Bernd Ulrich über Journalismus in unruhigen Zeiten

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT

Am 18.12.2018 war Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, in Erlagen zu Gast. In seinem Vortrag “Journalismus als Anwalt der Demokratie” sprach er über Öffentlichkeit in unruhigen Zeiten.

Lieber Herr Ulrich, Sie sprechen in ihrem Vortrag über Journalismus in Zeiten der Unruhe und Veränderung. Die Gesellschaft wird den Medien gegenüber kritischer, und das Misstrauen wächst. Wie versucht man als Journalist, das Vertrauen der Bürger und Bürgerinnen dennoch zu gewinnen?

In unserem speziellen Fall wird unsere Leserschaft immer kritischer, aber ohne das Vertrauen zu uns zu verlieren. Wir genießen eine hohe Wertschätzung, was uns angeht. Und was uns auszeichnet, ist einmal die Haltung , dass wir nicht, wie das früher vielleicht üblich war, von oben herab schreiben, sondern auf Augenhöhe, dass wir einladend schreiben, dass wir den Leuten nicht vorschreiben, was niveauvolle Interessen und was weniger niveauvolle Interessen sind, sondern dass wir versuchen, das ganze Spektrum der Lebenswelt der Leserinnen und Leser abzubilden. Außerdem sind wir im ständigen Dialog mit ihnen: Wir machen Veranstaltungen, wir organisieren „Freunde der ZEIT“- das ist eine Veranstaltungsreihe -, wir laden sie ein in die Redaktion. Ich fahre – wie viele andere auch – die ganze Zeit durchs Land und halte Vorträge. Wir versuchen einfach, die Fühlung zu den Leserinnen und Lesern nicht zu verlieren.

Obwohl die Auflagen ihrer Konkurrenten in den letzten Jahren stetig sinken, zeigt sich bei der ZEIT das Gegenteil. Sie verkaufen mehr Zeitungen als je zuvor. Ist der eben genannte intensive Kontakt mit den Lesern ein Grund oder gibt es ihrer Meinung nach noch andere Gründe?

Was unseren Erfolg angeht, da sind wir auch ein bisschen demütig. Wir glauben nicht, dass wir das Geheimnis unseres Erfolges komplett kennen, da ist auch Glück dabei. Aber ansonsten sehe ich die Gründe in dem, was ich aufgezählt habe – dieser „Auf-Augenhöhe-Journalismus“; auch versuchen wir rechtschaffen zu sein und demütig. Und wir sind als ZEIT auch eine pluralistische Wertegemeinschaft, wir sind nicht nur eine Zeitung, die man so hat und dann weglegt oder so, sondern wir schaffen – glaube ich – auch eine Identifikationsmöglichkeit.

Stichwort Digitalisierung: Der Journalismus wurde gerade durch die Etablierung von Social Media von einer One-Way Kommunikation zu einem Dialog. Jeder User kann Artikel in Sekundenschnelle kommentieren und darüber urteilen. Wie ernst werden solche Userkommentare bei der ZEIT wirklich genommen, und wie reagiert man darauf?

Es sind ja viele verschiedene Kommentierungen. Es gibt sie als normalen Leserbrief, als E-Mail, es gibt die auf Twitter und Facebook, und es gibt die unter den Artikeln, die wir auf ZEIT Online veröffentlichen. Die Bandbreite ist sehr gemischt, und je nachdem, wie ernst gemeint und wie argumentierend sie sind, desto mehr beschäftigen wir uns damit. Gerade auf Online ist es oft so, dass am Anfang eine interessante Diskussion losbricht, und hinterher unterhalten sich die Herren – meistens sind das Herren – nur noch untereinander oder es geht so ein bisschen ins Unflätige, und dann lässt meine Aufmerksamkeit stark nach.

Sie sind nicht nur stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, sondern auch Leiter des Politikressorts. Die Politik ist ständig im Wandel, und es gibt täglich neue Themen, über die man sprechen kann. Wie schafft man es, wenn man nach einem Arbeitstag nachhause kommt, wirklich abzuschalten?

Ich gönne mir systematisch Ruhe. Ich mache Yoga und Sport und ansonsten empfinde ich meine Arbeit nicht immer als Arbeit. Es gibt Dinge dabei, die sind wirklich Schwerstarbeit, die mache ich nicht so gerne, aber insgesamt würde ich wahrscheinlich auch dasselbe machen, wenn ich nicht dafür bezahlt würde.

Der Beruf des Journalisten verlangt einem viel ab. Hand aufs Herz – Welchen Beruf hätten sich ihre Eltern als Kind für sie gewünscht?

 Da ich das erste Kind in meiner Familie war, das Abitur gemacht hat, hatten sie, glaube ich, gar keine Fantasie, was ich machen könnte. Die kannten diese Welt nicht, in die ich da vorstieß.

Lena Baumann, 1. FS

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