Schubladen im Kopf – sind wir Vorurteilen machtlos ausgeliefert?

Immer diese Polen, die klauen, Frauen, die nicht einparken können, Muslime, die Terroristen sind, Deutsche, die keinen Humor haben, Blondinen, die dumm sind. Diese Liste könnte endlos fortgeführt werden. Vorurteile sind stabile meist negative Meinungen vor allem über Menschen oder Gruppen, die von uns nicht überprüft wurden. Aber warum entstehen solche Klischeevorstellungen und vor allem: warum sind sie so langlebig und oft schwer als falsch kategorisierbar?

Im Grunde gibt es zu Vorurteilen keine allgemeine Zustimmung, sondern es handelt sich um individuelle, völlig subjektive Einstellungen und Meinungen. Oftmals sind diese auch bei anderen abgeschaut – bei den Eltern beispielsweise. „Meine Eltern sagen das, also ist das richtig“. In der Kindheit erlernt verhalfen sie uns dazu, die Welt zu begreifen, sie erstmal in die Guten und die Bösen einzuteilen. Und manche dieser Schablonen nehmen wir mit ins Erwachsenenalter. Begegnet uns nun ein neuer Mensch, so können wir diesen niemals in seiner Ganzheit erfassen. Stattdessen brauchen wir erst einmal eine Hilfestellung, sogenannte Muster oder Raster, wie es in der Vorurteilsforschung (Psychologie, Soziologie und Sozialpsychologie) heißt, in die wir den neuen Menschen einsortieren können. Diese Muster sind eben das, was wir schon kennen, was wir uns abgeschaut haben, was wir vielleicht auch schon erlebt haben. Diese Orientierungshilfen sind sogenannte Stereotype, also generalisierte Überzeugungen. Ein Vorurteil ist dann im nächsten Schritt die Interaktion zwischen Stereotyp und eigener Erfahrung. Die Stereotype als kognitive Komponente sind also die Basis zu Vorurteilen, der emotionalen Komponente. So entsteht ein (verfestigtes) Vorurteil.

Vorurteile sind meist eng mit dem eigenen Selbstbild, mit Eigennutz und Gruppenkonflikten verbunden. Das führt dazu, dass es häufig unmöglich ist, eine dritte objektive „Wahrheit“ zu finden beziehungsweise mit rationalen Argumenten zu überzeugen. Aus diesem Grund ist es wichtig, die eigene Meinung immer wieder auf drei wesentliche Punkte hin zu überprüfen: Ihre Rationalität (geprüftes Wissen?), Gerechtigkeit (behandle ich alle Menschen gleich?) und Mitmenschlichkeit (Empathie, Toleranz?). Trotzdem bleibt die Überwindung von Vorurteilen meist ein langwieriger Prozess des Umdenkens /-lernens, denn unser Gehirn trennt sich nicht gern von fest verankertem „Wissen“.

Medien erzeugen unsere Bilder im Kopf

Ein wichtiger Meinungsträger sind unter anderem die Massenmedien. Diese sind oft Entstehungsbasis eines Musters. Wir begegnen beispielsweise einem neuen Menschen und müssen ihn einsortieren. Sagen wir mal es handelt sich bei diesem Menschen um einen Amerikaner oder eine Amerikanerin. Eigentlich wissen wir nichts über Amerika und seine EinwohnerInnen, weil wir noch nie dort waren oder jemanden aus Amerika kennengelernt haben. Aber wir haben viel in der Zeitung gelesen. Trump zum Beispiel, den mögen wir nicht. Und Fastfood auch nicht, das kommt aber aus Amerika. Also nehmen wir diese Informationen als Grundlage der Bewertung über den neuen, uns gegenüberstehenden Menschen. Ein Vorurteil ist entstanden. Medien sind also Meinungsträger und das Internet somit mitunter verantwortlich für die massenhafte Verbreitung von Vorurteilen? Dass der Journalismus nicht mehr die klassische Stellung des Gatekeepers innehat, stellt ein großes Problem dar, da er hier mit der Abgrenzung gegen den „Bürgerjournalismus“ kämpfen muss. Nun ist es aber so, dass Stereotype nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sind. Manchmal haben sie anfänglich sogar einen Nutzen: Sie vereinfachen komplexe soziale Konstrukte, verringern die Unsicherheit, schaffen Überschaubarkeit, stärken das Gemeinschaftsgefühl etc. Aber es wird schwierig, wenn es zur Entstehung des Vorurteils kommt. Die Schwierigkeit liegt dabei schon im Namen: Ein „Vor-urteil“ ist ein vorschnelles Urteil, ohne vorhergehende Reflektion und Überprüfung. Dass dieses meist nichts mit der Realität zu tun hat, konnte jede/r von uns wohl schon am eigenen Leib erfahren. Es ist eine tiefe gesellschaftliche Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden, in die wir nicht gehören. Weil es nie so einfach ist. Weil die Kategorisierung immer eine Beleuchtung aus vielen verschiedenen Perspektiven benötigt.

Klischeefreier Leben

Unabhängig von den oben bereits beschriebenen drei Punkten, auf die hin wir unsere Meinung und unser Denken regelmäßig überprüfen sollten, gilt generell ein verantwortungsvoller Umgang miteinander. Wir sollten uns in unserem Urteil über andere mehr auf reflektierte Entscheidungen verlassen und weniger auf Bilder, die schon immer da waren und die wir weder anders kennen, noch überprüft haben. Das gilt für so viele Bereiche des Lebens – Extremismus, die Rolle von Mann und Frau, MuslimInnen in Deutschland, Rassismus generell, Berufsbilder – Erzieherinnen sind nur Frauen und Physik nur was für Nerds?, Entscheidungen, die wir aufgrund der Kleidung und des Äußeren treffen – um nur einige zu nennen. Lasst uns ein wenig in unseren Schubladen wühlen und Ordnung schaffen. Neues erfahren und Altes endlich aussortieren. Und vor allem: Lasst uns unsere Vorurteile bewusst machen, denn nur so können wir feststellen, dass wir ihnen nicht machtlos ausgeliefert sind und nur wir selbst an unserer Einstellung etwas verändern können.

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