Reformationstag – Die Luther-Legende

Mit wuchtigen Schlägen hämmert Martin Luther (gespielt von Joseph Fiennes) ein handbeschriebenes Blatt Papier ans Portal der Schlosskirche Wittenberg, so dass der ganze Sakralraum davon widerhallt. Dies ist eine der wichtigsten Schlüsselszenen im Kinofilm „Luther“ (2003). Doch den Anschlag der 95 Thesen am 31. Oktober 1517 hat es in dieser Art vermutlich gar nicht gegeben.

Martin Luther (1483-1546)

Der Hintergrund

Seit 1514 lehrte der Augustinermönch Martin Luther als Theologieprofessor an der Universität Wittenberg. Wie viele Theologen vor ihm – z. B. John Wyclif (1330-1384) in England oder Jan Hus (1370-1415) in Böhmen – wünschte er sich eine Veränderung, eine Reform der römisch-katholischen Kirche. Er kritisierte vor allem den Ablasshandel. Das war die Praxis, dass Gläubige sich mit Geld die Zeit im Fegefeuer verkürzen, sich also von ihren Sünden freikaufen konnten. Die Einnahmen, die Papst Leo X. aus dem Ablasshandel erhielt, sollten zum Bau des Petersdoms in Rom genutzt werden. Ähnliche monetäre Interessen verfolgte auch der Erzbischof von Mainz, Albrecht v. Brandenburg. Dieser benötigte das Geld, um seine Schulden bei dem Bankhaus der Fugger zurückzuzahlen. Er hatte sich 20.000 Gulden geliehen, um sich die Bischofswürde zu erkaufen (Simonie). Schon bald reiste der Dominikanermönch Johann Tetzel in Albrechts Bistum umher und forderte die Bevölkerung auf, um ihr Seelenheil willen Ablassbriefe zu erwerben.

Ablassbrief

Die 95 Thesen

Martin Luther setzte sich in den auf Latein geschriebenen 95 Thesen mit dem Ablasshandel auseinander. So kritisierte er in These 27 die Ablassprediger: „Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.“ Dem setzte Luther die wahre Reue entgegen: „Jeder wahrhaft reumütige Christ erlangt vollkommenen Erlass von Strafe und Schuld; der ihm auch ohne Ablassbriefe zukommt“ (36) und sprach den Abläsen ab, selbst die kleinste der lässlichen Sünden tilgen zu können (76). Schlussendlich griff er auch Papst Leo X. selbst an: „Warum baut der Papst, dessen Reichtümer heute weit gewaltiger sind als die der mächtigsten Reichen, nicht wenigstens die eine Basilika des Heiligen Petrus mehr von seinen eigenen Geldern als von denen der armen Gläubigen?“ (86).

Am 31. Oktober 1517 schrieb Luther einen Brief an den Mainzer Erzbischof, dem er die 95 Thesen beifügte. Ebenso sandte er sie an verschiedene Gelehrte, um eine öffentliche Debatte um das Ablasswesen anzuregen. So kam es, dass die Thesen in Nürnberg, Leipzig und Basel in Druck erschienen und schließlich auch ins Deutsche übersetzt wurden.

Die Folgen

1518 verfasste Luther den auf Deutsch geschriebenen Sermon von dem Ablass und Gnade, in dem er darlegte, dass der Ablass für die Befreiung aus dem Fegefeuer weder in der Schrift begründet sei, noch dem Menschen guttäte, da nichts Gutes mehr bliebe, was man tun könne. Diese Druckschrift fand in der Bevölkerung einen gewaltigen Absatz.

Der Mainzer Erzbischof schickte die 95 Thesen an Papst Leo X. weiter und die sächsischen Dominikaner klagten Luther in Rom wegen Ketzerei an. Im Oktober wurde Luther auf dem Reichstag in Augsburg vom päpstlichen Abgesandten Cajetan verhört. 1520 wurden 41 Sätze aus seinen Schriften vom Papst verdammt und Luther selbst kurze Zeit später exkommuniziert. Im April 1521 sollte er sich auf dem Reichstag in Worms vor dem neuen Kaiser, Karl V., verteidigen. Da er seine Haltung jedoch nicht widerrief, wurde die Reichsacht über ihn verhängt, die er im Exil auf der Wartburg verbrachte.

Acht Jahre später, auf dem Reichstag in Speyer (1529) protestierten sechs Fürsten gegen die Ächtung Luthers und für die freie Verbreitung des neuen Glaubens – die Geburtsstunde des Protestantismus.

Lutherrose

Daniel Schneider, 1 FS

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